Presse/Stimmen

Zum 99. Geburtstag eines großen Dichters

MAZ/16.August 2011/ Rotraut Wieland Literatur: Günther H.W. Preuße und Linde Kauert lasen in Dollgow Texte von Eva und Erwin Strittmatter

Mehr als 80 Besucher füllten am Sonntagnachmittag den Saal von “Seelig’s Gasthaus” in Dollgow. Anlass war eine Lesung zum 99. Geburtstag von Erwin Strittmatter.

Dollgow / Der Ort der Veranstaltung hätte nicht besser gewählt sein können. Denn nur wenige hundert Meter entfernt hatte das Dichterehepaar Erwin und Eva Strittmatter im inzwischen literarisch-legendären Schulzenhof seinen jahrzehntelangen Lebens- und Schaffensmittelpunkt. Und nicht weit entfernt davon fanden die beiden ihre letzte Ruhestätte.

Diesen 99.  Geburtstag des Autors so bedeutender literarischer Werke wie “Der Wundertäter”, “Ole Bienkopp” oder die “Laden-Trilogie” würdig zu gestalten, war der Künstlerinitiative von Linde Kauert, Günther H. W. Preuße und Heinz Hellmis zu verdanken. Die Verlegerin und Buchillustratorin sowie der Publizist und der Buchgestalter stehen den Strittmatters und ihrem Werk besonders nahe: Durch die kunstvoll gestalteten Bände, die sie in Linde Kauerts “Edition Zwiefach” herausgegeben haben. Wobei Heinz Hellmis stolz darauf sein kann, das Schaffen der Strittmatters bereits seit ihren Anfängen begleitet zu haben: als Künstlerischer Leiter des Aufbau-Verlages, in dem alle Werke der Strittmatters erschienen.

Ein wenig gespielt-verunsichert begann Günther H. W. Preuße die Veranstaltung im Hinblick auf den abwesenden Jubilar: Ob ihm diese Lesung unter dem Titel “Poetereien” wohl angenehm gewesen wäre? Sicher hätte sie ihm wie geplant unter freiem Himmel, hinter der Scheune, mit Blick auf den See, besser gefallen, aber das Wetter ließ eine Freiluftveranstaltung nicht zu. Nun also der urige Saal von “Seelig’s Gasthaus”.

Um im Sinne des im Raum unsichtbar Anwesenden zu handeln, begann Günther H. W. Preuße die Lesung mit Erwin Strittmatters Gedanken “über meinen Geburtstag…”, das heißt, über die jährliche Wiederholung jenes Tages, an dem ich geboren wurde”: Dieser mag als Kind für ihn noch wichtig gewesen sein, aber später nahm er es sich übel, wenn er sich an diesem Tag, “der mich als ein Jahr älter auswies, auch nur die kleinste Bedeutung beimaß”. Dieser Text konnte sozusagen als Entschuldigung gelten, die Regeln des zu Verehrenden gebrochen zu haben. Im Folgenden las Günther H. W. Preuße andere kurze Prosastücke die Erwin Strittmatter in jeder Zeile als Autor von großer sprachlicher und bildlicher Gestaltungskraft auswiesen und der es meisterlich verstand, auch das Alltägliche auf eine literarische Ebene zu heben. Wenn er den Tod seiner Novemberfliege beschreibt, dann gewinnt ein so banales Ereignis allgemeingültigen Charakter.

Erwin Strittmatter, der ein großer Erzähler war und der für manche Kritiker als Nachfolger von Fontane in die Literaturgeschichte eingehen wird, hat neben seinen großen Romanen sehr viel Kurzprosa geschrieben. Das bot Günther H. W. Preuße ein Vorlesespektrum mit breit gefächerter Thematik. In diese kniete er sich mit großer, sich am Urheber identifizierender Leidenschaft hinein. Er gab den Texten die nötigen Pausen und verstand es, immer auch ein wenig Strittmattersche Eigenheit in seinen Sprachduktus fließen zu lassen.

Auch bei der Beschreibung seiner beiden Lebenspole, der eine Tolstoi, als Synonym seines Dichter-Daseins, der andere Eva, “die Dichterin, zu der ich mich durch meine Lebensirrtümer hinhangelte”. Und natürlich war es in diesem Zusammenhang geboten, auch Eva, seinen “körperlichen Nachbar” in einigen ihrer anrührenden Verse durch die Stimme von Linde Kauert zu Wort kommen zu lassen. Mit ihren Liebes-, Natur- und Sehnsuchtsgedichten, aber auch Prosatexten war es der in diesem Jahr verstorbenen Dichterin gelungen, sich aus dem Schatten ihres Mannes zu lösen und eigenen Ruhm zu ernten als eine der wichtigsten Lyrikerinnen in Deutschland. Die Veranstaltung mit jeweils einem ihrer vertonten Gedichte musikalisch zu beginnen und enden zu lassen, verlieh den “Poetereien” einen besonders feierlichen Rahmen.

KULTUR: Ein Lied aus Stille

Matinee für Eva Strittmatter

MAZ v. 21.09.2010 - RHEINSBERG - „Ich mach ein Lied aus Stille”, hat Eva Strittmatter ihren ersten Gedichtband genannt, der 1973 im Aufbau-Verlag erschien. Elf weitere Bände sollten folgen. Die Dichterin und Schriftstellerin, die in Schulzenhof bei Dollgow in der Nähe von Rheinsberg lebt, feierte am 8. Februar ihren 80. Geburtstag. Aus diesem Grund veranstaltete das Schlosstheater Rheinsberg am Sonntag eine Matinee zu Ehren der Schriftstellerin.

„Es ist ein nachgereichtes Geschenk”, sagte der Schriftsteller Günther H.W. Preuße in der Laudatio. „Auch wenn es ihr ihre Gesundheit nicht erlaubt, selbst zu lesen, soll ihr Wort in vielfältiger Weise zu hören sein, weil wir glücklich darüber sind, dass wir sie noch haben”, fügte er hinzu.

Eva Strittmatter arbeitet seit 1954 als freischaffende Schriftstellerin. Neben ihrem Mann, dem Romanautor Erwin Strittmatter, profilierte sie sich mit einem eigenständigen Werk. Ihre Lyrikbände haben Millionenauflagen erreicht.

„Ich mach ein Lied aus Stille. Ich mach ein Lied aus Licht . So geh ich in den Winter und so vergeh ich nicht”, heißt es im Gedicht. Im Septemberlicht beobachtet sie die Schönheit der Natur, beschreibt das Rot der Ebereschen, den See, die Libellen und den Herbstgeruch des Brotes. Mit ihren Worten drückt sie aus, was viele Menschen empfinden und fühlen. Ihre Gedanken kreisen um Liebe, Glück und Geburt, aber auch um Verlust, Trauer und denTod.

Der Komponist Manfred Schmitz hat die Gedichte von Eva Strittmatter vertont. Im Schlosstheater begleitete er die Berliner Sängerin Susanne Kliemsch am Klavier. Mit ihrer kraftvollen, doch sensiblen Chanson-Stimme besang sie den Februar: „Und wieder weiß man nicht, was wird? Man weiß nur, es wird anders sein. Wer meint, das wiederholt sich, irrt - nur einmal so fällt Frühling ein.” Die Worte der Dichterin gehen mit der Musik auf die Reise zu den Zuhörern. Viel Nachdenkenswertes nehmen sie mit auf den Weg.

Hans Hellmis, der ehemalige künstlerische Leiter des Aufbauverlags, erinnerte sich an die ersten Begegnungen mit den Strittmatters in ihrem Heim: „Es saß sich gut, es unterhielt sich gut und man wurde hervorragend bewirtet.” Während seiner Arbeit beim Aufbau-Verlag beschäftigte er sich immer wieder mit Strittmatters Texten. Aber erst in den späteren Jahren habe er sie besser verstanden. „Ich kann nur empfehlen, werden Sie bloß schnell alt. Es tut so gut, wenn man klug wird.” (Von Cornelia Felsch)

ZAUBERBLICK

Irmtraud Gutschke / ND v. 07.01.2010

Dass Literatur oft aus Literatur entsteht und nicht nur aus selbst Erfahrenem - man weiß es. Und doch ist es verwunderlich, konkret zu erleben, wie sich in einem Werk ein anderes verwurzelt, das ohne diesen Nährboden nicht wachsen könnte, wie es zu einem eigenen Wesen wird.

»Als Eva 8 war« von Günther H. W. Preuße handelt nicht von irgendeinem Kind, sondern von Eva Strittmatter, deren Gedichte und Prosatexte der Autor in einem Maße verinnerlicht hat, dass es scheint, er würde über seine eigenen Erinnerungen sprechen. Kurios ist es für mich, Details aus meinen Gesprächen zum Band »Eva Strittmatter. Leib und Leben« wiederzufinden: das Buch im Puppenwagen, die Quastenschnur neben Großmutters Bett, das glückliche Liegen mit aufgeschlagenem Knie, das Bootshaus der Familie des »Malermeisters« gegenüber …

Auch Gedichtzeilen kommen mir beim Lesen in den Sinn: »Ruhlos macht mich der Rittersporn./ Blau: so fällt Liebe./ Rot steigt der Zorn.« Oder: »Lupinenblau - so war doch was/ In meiner Kindheit. War es Glas?« Und noch viele andere klingen an, werden aber von Günther H. W. Preuße auf eine so eigene Art verwoben, dass es ganz und gar sein Buch ist, seine gültige Lebensdeutung, die aus seiner Gabe zur Einfühlung und seiner eigenen Sprachkraft entstand.

Linde Kauert hat die Bilder dazu gemalt: eine Achtjährige, umgeben von Fantasiegestalten. Nicht nur ihre Träume sehe ich darin, sondern auch das, was aus Vergangenheit und Zukunft auf sie kommt, was außerhalb ihres Einflusses erwächst, wogegen sie sich behaupten, was sie auch irgendwie in ihr Dasein integrieren muss. Dinge, von denen das Mädchen noch nicht weiß -, der kundige Leser bezieht sie in die Lektüre ein. So vervielfacht sich der »Zauberblick«, den der Autor bei der kleinen Eva ausmacht, als sie aus den verwitterten Mienen der Großeltern plötzlich deren Kindergesichter hervorschauen sieht.

Günther H. W. Preuße gelang das bei Eva Strittmatter, und der Leser mag es bei sich und anderen versuchen. Wenn wir »das himmelblaue Wägelchen Erinnerung« besteigen, handelt das Buch insofern eben doch nicht nur von einer Person, sondern von vielen möglichen. »Rolle rückwärts zu den versunkenen Kindheitsgärten«, als wir Stöckchen an Zaunslatten entlangknattern ließen, vor Freude hüpften, uns von hohen Bäumen behütet fühlten - dazu verhilft es uns.

Ein Geschenk des Autors Günther H. W. Preuße, der Grafikerin Linde Kauert und des Buchgestalters Heinz Hellmis zum 80. Geburtstag Eva Strittmatters im Februar 2010. Es ist wirklich ein Geschenk, weil es ein großes Glück ist, von einem anderen Menschen aus sich selbst heraus erkannt zu werden. Eigentlich sind Menschen ja dazu fähig, kluge zumal, aber es gelingt nicht häufig. Meist verkennen sie einander. Ob es am Drang zur Selbstbehauptung liegt?

Das Verbindende zu erspüren, stärkt indes auch die eigene Seele. So wie Günther H. W. Preuße den Besuch der kleinen Eva bei ihrer Nenntante Luise beschreibt: »Noch unzerschrammt, warm und hautglatt die Kleine mit den rockumwirbelten Knien … zerfurcht und farblos schon die Alte. Tief im Innern aber jede - ein immerwährendes Mädchen, nach Gutsein dürstend.«

Günther H. W. Preuße. Als Eva 8 war. Kaleidoskop einer Kindheit in acht Textbildern und farbigen Illustrationen von Linde Kauert. Edition Zwiefach. 40 S., geb., 18 €

Fackelträger

Gransee Zeitung v. 07.12.2009 - „Gute Dichtung braucht solche, die die Fackel weiter tragen”, zitierte der Biograph, Autor und Herausgeber Günther H.W. Preuße den Buchgestalter Heinz Hellmis. Im Künstlerhof Roofensee in Menz ließ am Freitagabend die Edition Zwiefach gleich vielfach die Flamme der Literatur brennen.

„Bilder zur Literatur” der Malerin und Verlegerin Linde Kauert fingen im Hintergrund die Blicke der vielen Gäste. „Ich mach ein Lied aus Stille” - mit diesem eingespielten Chanson von Manfred Schmitz nach einem Text von Eva Strittmatter, gesungen von Susanne Kliemsch, begann eine literarische Reise in das Haus Strittmatter. Die Literatur von Eva Strittmatter habe ihn ein Leben lang begleitet, so Preuße. Diese Lesung sei für ihn eine Reminiszenz an Schulzenhof.

Preuße las als Gast des Verlages Texte von Erwin Strittmatter aus der Zwiefach-Publikation „Für meine Schulzenhoffreunde”. Kleinode wie „Der Tod meiner Fliege”, Gedichte und Tagebuchaufzeichnungen beschrieben die Arbeit des Schriftstellers am Roman, Alltag und Natur, aber auch das politische Umfeld in der DDR. „Man muss ausbrechen, wenn man es mit der Kunst, den Menschen und mit sich selbst ernst meint”, schrieb er 1976.

In die Schwere unendlicher Gefühle und Gedanken über alles, was Leben sein kann und für sie ist, eingebettet war die Lyrik von Eva Strittmatter. Linde Kauert las bekannte und unbekannte Gedichte aus „Seele seltsames Gewächs”, erschienen in der Edition Zwiefach. Erinnerungen über vier Jahrzehnte mit Erwin in Schulzenhof - „wie war dieses Leben”, Rückkehr zum „Anbeginn” mit dem Wagnis zum Schreiben, die Mühen der Tage - „Leben ist immer eine Kraftprobe”.

„Eva und Erwin” saßen nebeneinander, ein jeder in seinem Tun und in seinem Geist. Doch spiegelten die abwechselnd gelesenen Texte - Kauert still und nachdenklich, Preuße offensiv und humorvoll - zwei Teile eines Ganzen wie Kristalle.

Nach einem „Strittmatterschen Absacker” (Erwin) über die Schlaflosigkeit eines Literaten, der ausdrücklich vom berührten wie begeisterten Publikum erwünscht war, legte sich die Musik von Manfred Schmitz wie eine Membran über das gelesene Leben von Schulzenhof: „Ich schreibe in einer einfachen Sache, Geburt und Tod und der Zwischenzeit, das wird zu einer Ewigkeit durch unser Eingehen in anderer Erleben” von Eva Strittmatter sang Susanne Kliemsch.

Alle von der Edition Zwiefach publizierten Werke mit Bildern von Linde Kauert waren und sind im Künstlerhof Roofensee zu erwerben. Dazu gehört auch „Als Eva acht war”, ein Kaleidoskop in acht Textbildern von Günther H.W. Preuße. Ein fiktives Mädchen führt den Leser durch die Zeit des Klein-Seins. Es habe ihn das Werk von Eva Strittmatter zu diesem Buch inspiriert, so der Autor. Ihr sei es gewidmet zum zehnten Jahr der Wiederkehr des Tages, als Eva 8 war.

Eva Strittmatter zum Erscheinen des Buches „Die trockenen Tränen der Selma Klich” 2008 von Günther H. W. Preuße

Lieber Günther Preuße … Dank für die Trockenen Tränen! Sie haben da etwas Erstaunliches geleistet! Dieses Psychogramm einer armseligen Existenz, einer eigensinnigen, vorgeburtlich bestimmten, nachgeburtlich verkrüppelten SEELE, ihre Liebesfähig-unfähigkeit, ihre Erstarrung gegen das Ende hin, ihr Ringen um Liebe, ihr Erzwingenwollen von Liebe - die Kümmerlichkeit dieses Lebens,und doch die Poesie dieses Lebens, die Stimmung des Buches, natürliches Leben!…

Eva Strittmatter / Schulzenhof - 2008